Toralinek · Die Kunst, eine Annahme zu benennen

Die Kunst, eine Annahme zu benennen

Wer eine Einschätzung zu einem Unternehmen, einem Markt oder einer wirtschaftlichen Entwicklung formuliert, stützt sich unweigerlich auf eine Reihe von Vorannahmen. Diese Annahmen betreffen etwa das künftige Wachstum eines Sektors, die Stabilität von Lieferketten, das Verhalten von Wettbewerbern oder die Reaktion von Verbrauchern auf veränderte Preise. Das Problem ist nicht, dass solche Annahmen existieren – sie sind unvermeidlich und sogar notwendig, um überhaupt denken zu können. Das eigentliche Problem entsteht, wenn sie im Hintergrund verbleiben, ungeprüft und unbenannt. Wer eine Annahme nicht ausspricht, kann sie auch nicht überprüfen. Und wer sie nicht überprüft, merkt oft erst dann, dass sie falsch war, wenn die Konsequenzen bereits spürbar sind. Das bewusste Benennen von Annahmen ist deshalb kein akademischer Luxus, sondern ein praktisches Werkzeug für jeden, der eigenständig Informationen bewertet.

Der erste Schritt besteht darin, die eigene Argumentation in ihre Bestandteile zu zerlegen. Eine hilfreiche Übung ist es, einen Satz wie „Ich glaube, dass Unternehmen X langfristig erfolgreich sein wird" in seine Voraussetzungen aufzulösen: Welche Marktbedingungen müssen dafür gelten? Welche Fähigkeiten muss das Unternehmen besitzen oder entwickeln? Welche externen Faktoren dürfen sich nicht verändern? Sobald man diese Fragen stellt, tauchen die versteckten Annahmen auf. Manche davon sind gut begründet und lassen sich mit öffentlich zugänglichen Informationen stützen. Andere erweisen sich bei näherer Betrachtung als bloße Hoffnungen oder als Wiederholungen von Aussagen, die man irgendwo gelesen hat, ohne sie je geprüft zu haben. Der Unterschied zwischen einer fundierten Annahme und einer unbewussten Übernahme fremder Meinungen ist erheblich – und er zeigt sich erst, wenn man die Mühe auf sich nimmt, genau hinzuschauen.

Besonders aufschlussreich wird die Arbeit mit Annahmen, wenn man verschiedene Szenarien nebeneinanderstellt. Anstatt zu fragen, was wahrscheinlich eintreten wird, lohnt es sich zu fragen, unter welchen Bedingungen eine bestimmte Entwicklung eintreten würde – und unter welchen nicht. Wenn man etwa annimmt, dass eine bestimmte Branche von einem gesellschaftlichen Trend profitieren wird, sollte man sich fragen, welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen und welche Gegenentwicklungen diesen Trend abschwächen oder umkehren könnten. Diese Szenariobetrachtung zwingt dazu, die eigenen Annahmen zu konkretisieren und zu prüfen, wie robust sie gegenüber veränderten Rahmenbedingungen sind. Eine Annahme, die nur unter sehr spezifischen und günstigen Umständen gilt, verdient eine andere Gewichtung als eine, die unter einer Vielzahl unterschiedlicher Bedingungen standhält. Wer diesen Unterschied nicht macht, verwechselt Wunschdenken mit Analyse.

Die vielleicht wichtigste Fähigkeit im Umgang mit Annahmen ist die Bereitschaft, die eigene Meinung aktiv herauszufordern. Das bedeutet nicht, an allem zu zweifeln oder keine Standpunkte zu vertreten. Es bedeutet, gezielt nach Informationen zu suchen, die der eigenen Einschätzung widersprechen könnten, und diese Informationen ernstzunehmen. In der Forschung zur menschlichen Urteilsbildung ist gut dokumentiert, dass Menschen dazu neigen, Belege, die ihre bestehenden Überzeugungen bestätigen, stärker zu gewichten als solche, die sie in Frage stellen. Für die eigenständige Anlagerecherche bedeutet das: Wer nur liest, was seine Sichtweise bestätigt, lernt nichts über die Grenzen seiner eigenen Annahmen. Eine strukturierte Gewohnheit, sich regelmäßig zu fragen, was gegen die eigene Einschätzung spricht und welche Annahmen sich als falsch erweisen müssten, damit man seine Meinung ändern würde, ist einer der wirkungsvollsten Schritte hin zu einer reiferen und ehrlicheren Art, mit Unsicherheit umzugehen.

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